Sein mit Karin

- Heilung aus der Stille



Heilung aus der Stille

Vier Tage Rückzug, Schweigen, Stille und nichts tun müssen. Die mystische Landschaft des Waldviertels als Kulisse und die Karwoche als perfekte Zeitenergie für Wandlung und Heilung. Was sich während eines Stille Retreats mit Karin im März 2007 im gar nicht so stillen Inneren alles tut, darüber erzählt ganz ungeschminkt und demaskiert Andrea Semper.

Heuer zu Ostern rief mich die Stille wieder einmal ganz laut. Die Sehnsucht nach ein paar Tagen Rückzug von der äußeren und inneren Betriebsamkeit war die Motivation, mich auf das viertägige Stille Retreat mit Karin einzulassen. Noch dazu sollte es im Waldviertel stattfinden, das für mich sowieso immer schon ein Magnet war, wenn ich Ruhe suchte.  Ich hatte Ende Dezember vorigen Jahres meinen Job als Sozialpädagogin aufgegeben und war in das ziemlich kühle Wasser der sogenannten Erwerbsarbeitslosigkeit gesprungen. Kühl machte ich mir das Wasser allerdings nur selbst, indem ich mich immer wieder dazu trieb, doch endlich einen Job zu finden, etwas Sinnvolles zu tun und wieder Geld zu verdienen. Im Außen wie im Innen suchte ich nach Rechtfertigungen, warum ich jetzt absolut keine Ahnung hatte, wo es mich beruflich hin zieht. Beinahe jeden Tag kamen mir neue Ideen, Pläne, Visionen in den Sinn, ergaben sich interessante Begegnungen und eine Woche später war schon wieder alles anders. Ich fühlte mich, als ob ich durch eine Mischmaschine geschleudert werde. Nichts war mehr so, wie ich es seit fast 20 Jahren gekannt hatte. Jede Art von Sicherheit war weg gefallen. Absolute Glückseligkeit und Hingabe an das Neue wechselten sich ständig mit tiefer Traurigkeit, Unsicherheit und Zukunftsangst ab. Zudem verliebte ich mich immer wieder heftig und musste nach nur kurzer Zeit sehen, wie sich alles in zerplatzende Seifenblasen auflöste. Je mehr ich versuchte, Halt zu finden, umso schneller wurde mir der Boden wieder unter den Füßen weg gezogen. Ich brauchte dringend Klärung und die Erinnerung daran, dass ich vertrauen konnte, auf das, was auch immer gerade in meinem Leben lief.  Außerdem spürte ich ganz stark, dass es Zeit war, einigen alten Beziehungsschmerzen endlich mal ins Auge zu sehen.  Das war also meine Ausgangssituation, als ich an einem nebelgrauen, verregneten Sonntag in Traunstein im Waldviertel ankam. Schon die große Tanne vor meinem Zimmerfenster und das Geräusch des Regens waren die ersten Boten der Stille und ich fühlte mich augenblicklich geborgen und aufgefangen. Während der ersten Abendrunde erfuhren wir den Ablauf für das Stille Retreat. Ab dem nächsten Vormittag würden wir mit dem Schweigen beginnen. Es gab jeden Tag zwei Treffen in der Gruppe von jeweils ca. 2,5 Stunden, während der wir die Möglichkeit hatten, von Karin begleitet, unsere inneren Prozesse näher anzusehen. Morgens und nachmittags konnten wir zusätzliche Angebote wie Stille-Meditation, Trancetanz oder Atemmeditation besuchen.  Dazwischen hatten wir genügend Zeit für Tun oder Nicht-Tun nach Lust und Laune, wie z. B. Spaziergänge in den herrlichen Wald, der gleich hinter dem Haus begann.

Zu Beginn jedes Gruppentreffens im schönen Dachseminarraum saßen wir gemeinsam ca. eine halbe Stunde in Stille. Danach sprach Karin immer über ein bestimmtes Thema, das sich zeigte. Ich war jedes Mal erstaunt und betroffen, wie sehr das, worüber Karin sprach, zu dem passte, was in mir vorging und wahrscheinlich ging es den anderen ähnlich. Ihre Worte, die wie immer geprägt waren von absoluter Liebe, Verständnis und Akzeptanz dessen, womit wir gerade „kämpften“, waren ein Anstoß, uns noch tiefer und wahrhaftiger mit etwas auseinanderzusetzen. Sie taten gut und waren zugleich immer erschreckend entblößend - keine Chance mehr, uns vor uns selbst zu verstecken! Die Worte berührten mich an meiner innersten Quelle der Wahrhaftigkeit und aus diesem Verständnis heraus gibt es keinen Zweifel mehr, kein „ja, aber“, nur mehr pures Akzeptieren und Verstehen dessen, was ist. Diese kostbaren Momente des Erkennens blinzelten immer wieder in das Dunkel aus Nicht-Vertrauen, Angst und Verwirrung wie Lichtstrahlen, die durch ein schmutziges Fenster fallen. Viel davon habe ich mitgeschrieben, weil ich es immer wieder brauche, mich zu erinnern. Vieles habe ich nicht mitgeschrieben, weil es im Moment einfach wichtiger war, nur zu lauschen und die Botschaft einsinken zu lassen wie ein Samenkorn. Ich möchte hier einen ersten, sehr persönlichen Versuch wagen, einerseits Karins Worte und andererseits das, was sie in mir ausgelöst haben, niederzuschreiben. Vielleicht kann die optische Gegenüberstellung auch etwas Ordnung in die Fülle bringen.  

Botschaft durch Karin

Meine Reaktion


Zum Einstieg
Du machst dir mit diesen Tagen der Stille selbst ein großes Geschenk. Es wird nichts von dir erwartet, es gibt nichts zu erreichen, du musst nichts tun und niemand sein. Du kannst einfach nach innen lauschen und schauen, was in dir passiert, wenn du von dir selbst nichts erwartest. Es können Muster, Strategien, Konzepte, alte Verletzungen auftauchen…. oder auch gar nichts. Dem, was auftaucht, mit einer Haltung der Akzeptanz begegnen, aber ihm keine Energie geben. Nichts festhalten, nichts abwehren, auch das Wollen gehen lassen. Den Verstand nicht füttern durch Nachdenken (=Nach-Gedanken), ihn leer werden lassen

 

 

Gedanken  – sind wie  Wolken am blauen Himmel; sie kommen und gehen. Aber meist nimmst du sie und gibst ihnen Raum. Sie klopfen immer wieder an deine Türe und fordern dringlichst deine Aufmerksamkeit. Mach’ die Tür nicht auf. Man muss nicht alle Gäste einlassen, die anklopfen.

 

 


Das ist für mich gleich die größte Herausforderung. Wie macht man das, nicht nachzudenken? Eigentlich schon interessant, dass wir uns durch Nach-Denken, also etwas aus der Vergangenheit im Kopf wieder käuen, immer vom Sein im Jetzt, von der Gegenwart abhalten. Ich erlebe meine Gedanken immer mehr wie eine außer Rand und Band geratene Kinderhorde, über die ich keine Kontrolle mehr habe. Sie sind lästig, sie nerven und sie sind so laut in meinem Kopf, dass es schon fast weh tut. Beim Aufwachen am ersten Morgen erkenne ich, dass es da einen Zwischenraum zwischen Schlaf und totalem Wachsein gibt, der noch völlig frei von Gedanken ist. Ich habe das Bild einer leeren Bühne, die sich erst nach und nach füllt, bis sie dann den ganzen Tag wieder voll besetzt ist – mit meinen Gedanken als Darstellern eben. Diese Leere davor fühlt sich absolut rein und klar an. Da gibt es nichts zu tun, es ist das pure Sein. Ein erstrebenswerter Zustand, der allein schon durch mein Streben niemals erreichbar ist. Es gilt, nichts zu tun, nichts zu wollen, einfach zu sein – aber in irgendeinem Winkel entdecke ich doch immer noch ein Wollen. Ich will ja das Beste aus diesen vier Tagen Stille herausholen. Ich will mich endlich meinen inneren Dämonen stellen, ich will sie weg haben, ich will mich nicht mehr verstecken vor mir selbst. Keine Chance für das willen-lose Sein, Stress kann man sich in jeder Lebenssituation machen. Im Außen ist es herrlich still, aber innen herrscht Konzertsaal-Lautstärke und Markt-Betriebsamkeit und die Erwartungen an mich selbst feiern fröhliche Urständ.

Hingabe, etwas opfern oder geben: Wir sind es nicht mehr gewohnt, etwas zu opfern im ursprünglichen Sinn von etwas geben ohne Motiv  - und im weitesten Sinne sich hingeben. Der Ich-Verstand fordert, bettelt oder bittet immer nur, er will haben, immer mehr und mehr.   Wir werden von Außen angehalten, zu geben (z.B. in der Arbeit müssen wir alles geben…), haben viele Pflichten und Aufgaben. Aber was opfern oder geben wir aus einer selbstlosen Haltung, was uns selbst auch wertvoll ist?  Ganz frei, ohne Motiv, ohne Erwartung? Doch das, was ein „Ich“ tut, ist meist mit einem „um zu“ verbunden: ich leiste, helfe, arbeite oder meditiere, um anerkannt, reicher, besser, glücklicher oder erleuchtet zu werden. Als ob Gott mit sich handeln ließe! Was ist das für eine armselige Bettlerhaltung, wenn ich nichts los lassen will, weil ich glaube, dass es schlechter wird? Das Universum will uns so reich beschenken. Das ist aber nur möglich, wenn wir uns reinen Herzens hingeben, öffnen und vertrauen - dann können wir auch empfangen, dann können Wunder geschehen.
Nehmen kann nur, wer reinen Herzens geben kann.
Verschenke dich  jeden Augenblick voll und ganz!
Etwas opfern meint nicht nur materielle Dinge, auch Eigenschaften, Anhaftungen, Denk-Gewohn-heiten wollen gelassen werden. Dies ist für die meisten viel schwieriger als materielle Dinge zu geben.  Sie sind die wahren Hinkelsteine, die verhindern, dass du frei bist. Wenn du sie gehen lässt, öffnet sich etwas, wird dein innerer Raum weiter und größer. ... Es geht nicht darum, dass der Verstand entscheidet. Er kann nie wissen, was für ein Geschenk auf dich in der nächsten Situation wartet, der  du lieber ausweichen möchtest (z.B. in einer Begegnung). Umarme, was sich im Jetzt zeigt,  sei innerlich ganz still, lausche in dein Herz und fühle, dann wirst du erkennen, was  „richtig“ ist. 

Ich erschrecke zutiefst, als ich mir eingestehen muss, dass ich nicht bereit bin, irgend etwas zu opfern. Ich will immer alles haben (Möglichkeiten, Kontakte, meine Wohnung) und nichts hergeben.

 Einen völlig neuen Job, ev. sogar im Ausland, mit absolut keiner Garantie, dass es auch nach drei Monaten noch passt und dafür die Wohnung aufzugeben? Mich den undurchschaubaren Plänen des AMS (Arbeitsamt) auszuliefern, ohne selbst das Steuer in der Hand zu haben, indem ich Kursvorschläge mache oder mir selbst Jobstellen suche? Diese Vorstellungen fühlen sich an, wie an einem Abgrund zu stehen und nichts tun zu können. In Wirklichkeit kann ich aber nichts tun, weil sich nichts wirklich reif anfühlt und somit verharre ich in einer leblosen Angststarre. Letztendlich halte ich mich so selbst vom Leben ab, weil ich nicht entscheiden kann/will, weil ich immer Angst habe, das Falsche zu entscheiden. Das ist ein Supertrick! Ent-scheiden – das bedeutet ja auch, von etwas zu scheiden, etwas loszulassen, etwas wegzugeben. Es tut fast körperlich weh, zu erkennen, was ich alles mit mir herum schleppe, weil ich so viel fest halte.

Gefühle  sind eine energetische Bewegung, die durch den Körper geht. Wenn Gefühle aufsteigen, dann einfach nur hin atmen, so können sie durch dich durch gehen, ohne verdrängt zu werden. Aber nimm dir nicht vor, mit ihnen was zu tun oder sie irgendwie fühlen zu müssen, das Ego macht aus allem ein Konzept. Sei einfach damit. Gefühle sind lebendig und wahr, Ich-Gedanken, die ständig um die Vergangenheit oder die Zukunft kreisen, nicht.

Kann während der einstündigen Atemmeditation ganz deutlich den Unterschied spüren, wie es ist, wenn z.B. Weinen aufsteigt und ich einfach nur hin atme – dann löst sich das dazugehörige Gefühl auf, wie eine Wolke im Wind. Wenn ich mich in das Weinen hinein fallen lasse, dann ertrinke ich in dem negativen Gefühl, identifiziere mich also und von Loslassen keine Spur.

Ehrlichkeit Als Kind haben wir gelernt, uns zu verstellen, um zu gefallen. Spontaner Selbstausdruck war nicht gefragt. So haben wir die Verbindung zu uns selbst verloren, uns von uns getrennt und unsere eigene Selbst-Sicherheit, für das, was wahr ist, verloren. Wir suchen seitdem ständig im Außen ersatzweise nach Werten und Sicherheit, ein ständiges Mangel-Gefühl begleitet uns. Zugleich verstecken wir bzw. kennen unsere eigene Wahrhaftigkeit nicht mehr. Jede Lüge stört das Energiefeld, das eigene wie auch das des anderen. Aber auch etwas Verschweigen, sich oder dem anderen etwas Vormachen stört die Beziehung.  Der andere spürt, dass etwas nicht stimmt. Wenn wir es aussprechen, löst sich diese Störung wieder auf. Wenn wir die Wahrheit beim Namen nennen und zu ihr stehen, kann uns nie etwas passieren, denn alle sehnen sich in Wirklichkeit nach der Wahrheit. Ehrlichkeit, alles auszusprechen, ist das Fundamentalste in allen Beziehungen. Nicht in Form von Vorwürfen und Schuldzuweisungen, sondern als Ich-Botschaften und Äußerung unserer Wünsche. Wir dürfen Bedürfnisse haben und sie äußern. Wir müssen weg kommen von der Vorstellung, des superlativen Menschen, der nichts und niemanden braucht (Ich bin so toll, perfekt, unfehlbar,…). Wir dürfen schwach und bedürftig sein. 

Während dieser fast halbstündigen „Rede“ war es so still im Raum, als hielten wir alle den Atem an. Es war eine Präsenz von kristallklarer Klarheit zu spüren – Gott saß in unserer Mitte und sprach zu uns. Wir sanken alle ein, in die absolute, körperlich spürbare Wahrheit dieser Worte.

Zu Beginn fühlte ich mich absolut ertappt und kam drauf, dass ich die eine Ansichtskarte noch nicht bezahlt hatte – was lächerlich klingt, aber sich in diesem Zusammenhang unausgeglichen anfühlte. Dann kamen mir Situationen mit Menschen in den Sinn, denen gegenüber ich etwas nicht ehrlich ausgesprochen sondern mich nur feig davon geschlichen hatte. Ich erkannte, dass mir mein Gefühl sowieso sofort ganz klar zeigt, wo noch etwas zu bereinigen ist und wo schon Frieden herrscht.

Diese Worte waren tiefste Erinnerung an das, was meine Seele schon weiß. Sie machten mich bei aller Betroffenheit einfach glücklich, dass es im Grunde so einfach ist, wahrhaftig und authentisch zu sein.

 

Sonstige Edelsteine
Wir haben Sehnsucht und Angst zugleich vor der Tiefe (=Unbewusstes). Das Ego hat Angst und hält uns vor dem Einsinken in die Tiefe ab. Tiefes Atmen bringt uns wieder in das universelle Feld der Verbundenheit. Dann können wir wieder sein wie der Tropfen im Meer – ohne Kontrolle, in stetiger Wandlung, mit allem verbunden – ohne Angst.

Ego = Oberfläche, Trennung

 Tiefe = Unbewusstes 

  universelles Feld / Verbundenheit

 

Focus nicht auf die Angst richten, sondern auf die Instanz, die das bemerkt – den Zeugen, Beobachter.

Alles, was jeden Augenblick geschieht, auch eine Lärmquelle, hat das Potential, eine Heilquelle für uns zu sein. Es beinhaltet die Aufforderung, uns mit dem Lärm zu verbinden, uns in den Lärm hinein zu entspannen, dann kann Frieden sein. Oder wir können uns darüber ärgern und gestört fühlen, dann haben wir eine Heilungschance vertan.

Wir waren am Land. Das hörte man an den häufig vorbei ratternden Traktoren, die ziemlich laut waren. Ich probierte, diesen Lärm als Rutsche in mein Inneres, in meine eigene Stille zu verwenden. So war der Traktor kein Anlass mehr, mich gestört zu fühlen, sondern Erinnerung, wieder in die Stille einzutauchen. Und zu erkennen, dass ich alleine die Entscheidung habe, wie ich mit einem äußeren Ereignis umgehe, gibt mir unendliche Freiheit.

Die Wahrheit kann nicht vergehen,nur die Lüge kann dir genommen werden.

 

 Was ebenfalls in den gemeinsamen Gruppentreffen Platz hatte, war die individuelle Prozessbegleitung. Jeden Tag aufs Neue heiß ersehnt und zugleich ängstlich erwartet. Was würde wieder aus den unberechenbaren Tiefen auftauchen? Werde ich den Mut haben, wirklich hinzuschauen, einzutauchen, um am Ende spüren zu dürfen, dass etwas ganz Altes geheilt wurde? In der zweiten Abendrunde pocht mein Beziehungsthema schmerzhaft laut an. Ich verkrieche mich innerlich, werde grantig und bemerke, wie die Mauer immer höher wird, die ich zu bauen beginne. Keine Lust, mir irgendetwas anzuschauen, mich zu konfrontieren oder gar zu heilen. Ich mag gar nichts mehr hören von Göttlichkeit, Vertrauen und einfach Sein. Mag nur in mein Zimmer und alleine sein. Sieht so aus, als hätte das Ego da furchtbare Angst vor Kontrollverlust und bietet deswegen alles auf, was ihm als Ablenkung dazu einfällt. Zumindest an diesem Abend gehe ich mit meiner Mauer schlafen und dröhne mich mit einer Packung Manner Schnitten und Lesen zu. Meinen Widerstand annehmen und einverstanden sein mit dem, wie es gerade ist? Sicher nicht! Trotzig sein ist doch viel vertrauter. Auch am nächsten Morgen sind all diese lieben „Begleiter“ vom Vorabend noch treu an meiner Seite. Während der einstündigen Atemmeditation, in der wir so intensiv wie nur möglich einatmen, zerbröseln sie allerdings wie trocken gewordene Sandburgen. Ich muss lachen und weinen zugleich, mein Herz hüpft vor Lebensfreude und ich spüre Mut, Lust und Hingabe, allem zu begegnen, was sein will. Bei der abendlichen Stille-Meditation meldet sich plötzlich wieder ein alter Schulterschmerz, den ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Zwei Männer, die  mir seit einiger Zeit Kopf- und Herz-Zerbrechen bereiten, tauchen immer wieder vor meinem geistigen Auge auf, mir ist zum Weinen und es tut einfach nur mehr weh. Dieser alte Schmerz fühlt sich schon überreif an und ich habe keine Lust, ihn auch nur eine Sekunde länger mit mir herum zu tragen. Die Sehnsucht nach Heilung ist nun so viel größer als jede Angst und ich spreche in der Runde darüber. Karin fragt mich, ob ich mir das näher anschauen will. Natürlich will ich! Also setze ich mich an ihre Seite und vertraue mich ihrer Führung an.  

Karin: Was ist denn genau deine Frage?
Ich:
„Ich möchte wissen, warum ich immer diese schmerzhaften, kurzen Strohfeuer-Begegnungen mit Männern anziehe.“
Karin:
„Das ist deine Angst, dich wirklich einzulassen. Stell dich in deiner Vorstellung vor die beiden Männer hin, um die es aktuell geht.“
Ich
spüre sofort Zittern am ganzen Körper und Schwäche in den Knien.
Karin:
„Warum zitterst du?“
Ich:
„Ich habe Angst, dass sie mir etwas tun.“
Karin:
„Was wollen sie dir tun?“
Ich:
„Es ist keine sexuelle Bedrohung. Sie nutzen mich für ihre eigene Schwäche aus. Ich soll ihnen etwas abnehmen, für sie leben, etwas für sie tragen.“
Karin:
„Das ist eine Frau und ihre Erfahrung aus einem alten Leben. Du kannst die Erfahrung los lassen. Sie hat nichts mit dir und deinem jetzigen Leben zu tun.“
Ich
sehe mich am Scheiterhaufen stehen, die beiden Männer stehen am Rand und halten ihre spitzen Lanzen in meine Richtung. Sie sind wütend auf mich. Plötzlich spüre ich ganz deutlich, dass ich mich durch „schwache“ Männer und ihre Schwächen selbst stark gefühlt und aufgebaut habe. So machte ich die Männer zornig, sie mussten sich wehren und mir weh tun. Mein Zittern wird immer stärker und mir ist eiskalt. Nach einigem inneren Kampf kann ich erkennen, dass diese Frau aus einem alten Leben panische Angst vor der wahren Liebe und tiefer Begegnung hat. Sie hat eine dicke, weiße Nebelschicht um sich herum, mit der sie sich schützt.
Karin:
„Bedanke dich bei dieser Frau für die Erfahrung, die du durch sie machen durftest. Du kannst sie ins universelle Feld zurück gehen lassen.“
Ich
sage zwar diese Worte: „Danke, dass ich durch dich diese Erfahrung machen durfte.“ In mir hält jedoch etwas fest und kann diese Frau nicht gehen lassen. Zu vertraut sind ihre Gefühle der Angst und Ohnmacht, zu eng fühle ich mich an sie gebunden. Ich spüre Ungeduld und merke, dass ich noch Zeit brauche. Aber ich weiß, dass ich von hier nicht weg gehe, bis ich mich von ihr gelöst habe. Ich sitze da mit geschlossenen Augen, fern von jeder Angst, einfach nur mit dem tiefen Wunsch, diese Frau in Frieden gehen lassen zu können. Durch Karins Begleitung fühle ich mich geborgen und voller Vertrauen, dass ich jede Zeit der Welt habe und dass alles, was passiert, in Ordnung ist. Jede Art von Abwehr fällt von mir ab, da ist nur mehr Hingabe und Liebe.
Karin
„Ich bitte um Heilung im emotionalen, mentalen und physischen Körper.“
Ich:
Langsam sehe ich, wie die Frau in einer weißen Nebelschicht um sich herum davon schwebt. Ganz geheuer ist mir der Frieden allerdings nicht. Dann kommt gleich die Probe aufs Exempel.
Karin:
Stell dich noch mal vor die beiden Männer. Wie fühlt sich das jetzt an?
Ich
stehe wieder vor ihnen und fühle mich gleichwertig und stark. Da ist eine große Freude, mit und bei mir zu sein. Ich will nichts von ihnen. Dem Mann gegenüber, der links vor mir steht, habe ich ein absolut neutrales Gefühl. Er kann weg gehen, ohne dass es mir weh tut. Zum Mann rechts vor mir spüre ich einen warmen Herzensstrahl, keine Erwartungen und stille Freude. Mit ihm kann Begegnung sein, auf welcher Ebene auch immer. Ich fühle mich frei und glücklich. Mir ist nach Jubeln, weil ich einen Riesenstein abladen durfte, den ich schon so lange mit mir herum geschleppt habe.
Karin:
„Was macht deine rechte Schulter?“
Ich muss lachen, denn die habe ich ganz vergessen, weil sie einfach nicht mehr weh tut!  

Nach dieser heilsamen Einzelsitzung fühle ich mich mit allem verbunden und eins. Ich wünsche jedem in unserer Gruppe von Herzen, sich so eine individuelle Begleitung zu gönnen, damit Heilung passieren kann. Meine Sitzung hat bei P. etwas ausgelöst, das er lieber weg schieben würde, aber es lässt ihm keine Ruhe und so setzt er sich auch zu Karin. Er fühlt sich, als ob ein Teil von ihm fehlte und erzählt, dass er immer wieder ausgenutzt wird – in Beziehungen, von seinem Chef – sich aber nie wehrt, worüber er sich selbst wundert. Während der Sitzung kommt er an den Punkt, wo er in einem alten Leben seinem Bruder gegenüber steht, von dem er verraten wurde. Dafür hätte er ihn umbringen wollen, hat diesen Akt aber nie vollzogen, sondern ist mitten im Dolchstoß stecken geblieben. Für die Seele wäre es damals richtig gewesen, diesen Bruder zu töten. Da dieser Akt nie vollzogen wurde, steckt. P. seitdem immer wieder in dem Sich-nicht-Wehren-Können fest. P. spürt jetzt unbändig stark den Impuls, diesen Dolchstoß auszuführen und Karin ermutigt ihn dazu. P. stößt zu und tötet den Bruder von damals. Sofort danach bricht er in bitterliches Weinen aus, weil er es nicht fassen kann, dass er das getan hat. Schuldgefühle plagen ihn. Karin führt ihn behutsam durch einen Dialog mit dem sterbenden Bruder. Dabei erfährt P., dass es auf Seelenebene eine Abmachung gab. Sein Bruder hatte sich in dem damaligen Leben für P. geopfert, um ihm die Erfahrung des Sich-wehren-Könnens zu ermöglichen. Diese Abmachung ist jenseits von allen moralischen Vorstellungen von Schuld und Sühne. Sie ist ein reiner Akt der Liebe, der zwischen Seelen stattfindet. P. kann dieses große Geschenk der Liebe seines Bruders an ihn erkennen und akzeptieren, dass sie beide quitt sind. Auch er kommt freudestrahlend an seinen Platz zurück. Am nächsten Tag berichtet er, dass er sich nun so richtig ganz fühlt, weil ein bisher fehlender Teil,  und vor allem seine Würde, zu ihm zurückgekommen ist.

Während dieser vier Tage durften bei allen Heilungen dieser Art geschehen. Die Freude und Dankbarkeit dafür ist jenseits von Worten. Jetzt, zwei Monate nach dem Stille Retreat, kann ich sagen, dass sich nicht nur in der Begegnung mit den beiden konkreten Männern etwas verändert hat. Es gibt plötzlich keine Resonanz mehr in mir, die mich solche Strohfeuer-Begegnungen anziehen lässt. Und es gibt nichts mehr, wovor ich mich schützen müsste, weil da nichts mehr ist, das geschützt gehört. Ich hatte wieder innige Begegnungen mit Männern, war aber trotzdem nicht, so wie früher, in Gefahr, mich darin zu verlieren und zu verbrennen. Da gibt es plötzlich eine Instanz in mir, die mich begleitet. Ich nenne sie meine Klarheit. Dies sind völlig neue Erfahrungen für mich und ich kann selbst nur freudig darüber staunen.