- Das Göttliche Spiel

Das Göttliche Spiel
Die Fragen “Wer bin ich?”, “Was ist die Quelle meiner Seele?” oder “Wer ist Gott?” beschäftigen immer mehr Gemüter. Was es mit unserer Wirklichkeit und mit unserem Dasein auf sich hat, haben schon vor 2500 Jahren die großen Mystiker in Indien erforscht und in ihren heiligen Schriften, den Veden (besonders in der Advaita Vedanta) niedergeschrieben. Auch Weise und Seher anderer Kulturen und Zeiten stimmen in den grundsätzlichen Aussagen zu dieser Thematik überein. Sie finden ihren Ausdruck in der Nicht-Dualen Lehre, der Advaita, die wir hier vorstellen. Von Karin. Was ist Advaita? Wortwörtlich bedeutet der Ausdruck nicht-dual, nicht-zwei. Die ewige, unveränderliche Natur aller Dinge ist also eben nicht dual, sondern Eins. Folglich bedeutet es, die beiden Seiten einer Medaille zusammenzuführen. Eigentlich sind sie nicht zusammenzuführen, weil sie ja bereits Eins sind. Oben und unten, schön und häßlich, hell und dunkel sind Eins. Es ist unser Verstand, der zerlegt, analysiert und aus dem Einen zwei macht. Dadurch erfolgt die Trennung, von der so oft die Rede ist. Und von den beiden Seiten will Mensch dann meistens nur die eine Seite: das Gute, Reine, Schöne, Helle. Die sogenannten Schattenseiten verbannt er in die tiefen Schichten seiner Seele. Der Verstand, der trennt, will also dieses Eine mittels Analyse verstehen, will etwas erfassen, was jedoch mit dem Verstand nicht zu erfassen ist. Und so macht sich Mensch Vorstellungen, Gedanken, Bilder und hat viele Erwartungen, wie die Welt und Gott zu sein hätten. Was wäre, wenn wir keine Vorstellungen hätten? Dann gäbe es nur das, was im Moment passiert. Das, was ist. Es gäbe weder Vergangenheit noch Zukunft. Es gäbe nur das Jetzt. Es gäbe nur das reine DAS. Gott. Die große “Leere”, die nicht leer ist. Ein indischer Weiser hat es auf den Punkt gebracht: “Alles ist Bewusstsein. Etwas anderes als Gott (Brahman) zu sehen, ist pure Unwissenheit. Und Unwissenheit führt in die Dualität, welche die Quelle allen Leids ist.” Das steht natürlich im Widerspruch mit dem persönlichen Gottesbild vieler Menschen. Denn das bedeutet, dass es keinen strafenden, rächenden Gott gibt, der im Himmel sitzt und mit erhobenem Finger auf uns arme Menschen schaut. Den Gott, der uns richtet, wenn wir sündigen, der uns verurteilt und mit der Hölle droht, gibt es nicht. Dieses noch oft in uns sitzende Gottesbild hinterlässt in uns “kleinen Würmern” das Gefühl der Schuld, der Unzulänglichkeit, der Sündhaftigkeit. Uns bleibt dann nur, zu büßen und Schuld abzutragen. Somit sind wir manipulierbar, klein, den Macht-Habern ausgeliefert. Wo ist da der Gott der Liebe? Gott ist Liebe. Bedingungslose Liebe. Und was ist dann der Teufel? Diesen überlieferten “Pakt mit dem Teufel” könnte man als die sogenannte Versuchung sehen. Das war der Moment, als Adam aus der Einheit, aus dem Paradies gefallen ist, um sich selbst zu erkennen. Um die Erkenntnis zu erlangen, wer er – der Mensch - wirklich ist. Denn in dem Zustand der Einheit, im Paradies, ist Bewusstheit über sich selbst nicht möglich. Die Erkenntnisfähigkeit ist durch den Verstand erst möglich geworden. Und die scheinbare Kehrseite ist, dass wird uns durch den Verstand, durch das Herausbilden eines eigenständigen Ichs, von Gott getrennt haben. Und um dich noch mehr zu verwirren: Diese Trennung ist eine Illusion, sie hat nämlich nie wirklich stattgefunden. Denn diesen Verstand, dieses angenommene, eigenständige Ich gibt es in Wirklichkeit nicht, hat es nie gegeben. Es ist so, als ob eine Welle auf dem Ozean glaubt, sie müsse sich selbständig machen, ihre eigenen Wege beschreiten und eine eigene Persönlichkeit annehmen. Vor allem glaubt sie, mit dem Ozean nichts zu tun zu haben. Nur dieser Glaube ist eben die Illusion. Tatsächlich ist sie eine Welle des Ozeans. Und als Welle zeigt sie ein eigenes, ihr gegebenes Wesen: sie kann klein, groß, sanft oder stürmisch sein. Wir haben in dieser langen Reise, die unsere Seele während vieler Leben gemacht hat, das Ziel vergessen: Nämlich uns unserer wahren göttlichen Natur (dem Ozean) bewusst zu sein. Bis jetzt. In Wirklichkeit sind wir bereits angekommen, denn wir haben unsere Heimat nie verlassen. Die Welle war immer Ozean. Was bedeutet das? Jeder von uns ist personifizierter Ausdruck des Göttlichen. Und unter diesem Blickwinkel ist die Welt, die wir sehen, nicht mehr die normale Erscheinungswelt. Es ist eine Welt, in der sich unser eigenes, wahres, göttliches Selbst widerspiegelt. Und dieses Selbst ist nicht unsere vertraute äußere Form und die Persönlichkeit, mit der wir uns selbst assoziieren und identifizieren und von der wir annehmen, dass sie Ich ist. Wo auch immer wir hinschauen, erkennen wir das wunderbare Gesicht Gottes, entdecken wir das Ewige Jetzt des Absoluten, das große DAS oder das Nichts (no thing). Das Spiegelkabinett Dazu gibt es eine kleine Geschichte: Stell dir Gott als kleines Kind vor, als das göttliche Kind, das mit sich allein und ganz ist, vollkommen in sich ruhend. Es ist ein Kind, das sich voller Freude und mit spielerischem Vergnügen damit unterhält, sich vorzustellen, dass es einen Spiegelsaal betritt. Wohin es auch blickt, sieht es nur Spiegelungen seiner selbst. Mit seiner göttlichen Vorstellungskraft heftet es einen Schnurrbart und einen Backenbart an eines seiner Spiegelbilder, ein Kleid und weibliche Attribute an ein anderes, es verbiegt einige der Spiegel ganz leicht, um ein schlankes Abbild zu erzeugen, wieder andere, um ein dick aussehendes Abbild zu erzeugen, oder um große und kleine Abbilder zu schaffen, wieder andere, um heilige oder dämonische Abbilder zu schaffen. Und auf diese Weise hat es in seiner göttlichen Vorstellung mehrere Ichs erzeugt, um sie zu lieben und mit ihnen zu spielen. All diese Bilder sind offenbar Widerspiegelungen seiner selbst. Es existiert nur ein “Ich” und alles, was dieses “Ich” sieht, ist es selbst. Um das Spiel noch reizvoller zu gestalten, tut es so, als seien alle diese Abbilder voneinander getrennte Wesen und als würden sie miteinander und mit ihm durch viele Handlungen und Nebenhandlungen in Beziehung treten. Wie sehr es dieses Spiel liebt! Es ist ein ganz und gar erfreuliches Spiel, ein wunderbares Täuschungs-Spiel. Aber alle Spiele sind irgendwann einmal zu Ende gespielt. Wenn dies soweit ist, kehrt das göttliche Kind dem Spiegelsaal, den es sich vorgestellt hatte, den Rücken und geht hinaus. Alle Abbilder, die augenblicklich entstanden waren, verschwinden ebenso augenblicklich wieder und das göttliche Kind ist wieder zurückgekehrt in den ursprünglichen Zustand. Das ist unsere eigene Geschichte. Wir selbst sind dieses göttliche Kind, sind die Erscheinungsbilder des Kindes, das mit all diesen scheinbar verschiedenen Spiegelbildern unseres Selbst spielt. Und jetzt sind wir dabei, uns nach innen zu wenden und das Haus der Spiegel hinter uns zu lassen. Aus dieser Sichtweise ergibt sich, dass Unwissenheit und Dualität nicht existieren und niemals existiert haben. Da sie nicht wirklich sind, können sie auch nicht die Ursache von irgend etwas sein. Alvin Drucker bringt es in der Schrift über die Weltsicht des Vedanta “Erwachen zur Wahrheit” auf den Punkt: “Es kann weder Leiden noch Gebundenheit geben. Jedes Wesen ist bereits frei und bleibt in alle Ewigkeit frei. In Wahrheit braucht weder Unwissenheit noch Gebundenheit entfernt zu werden. Sie können gar nicht entfernt werden, denn es hat sie nie gegeben. Wenn dies zur Einsicht wird, werden das Konzept des Gebundenseins, das Gefühl von Leid, der Glaube an separate individuelle Existenzen, die Wahrnehmung einer äußeren Welt und die Vorstellung eines Egos, von Opfern und Tätern, von gut und böse, etc. ..als das gesehen werden, was sie sind: NICHTS. Ziehen wir erst einmal unsere Energie von diesen falschen Wahrnehmungen und Identifizierungen ab, verblassen und vergehen sie von selbst.”
Das Hund-Bewusstsein Vergleiche dieses Spiel des göttlichen Kindes mit dem, was ein Hund tut, der in den Spiegelsaal gerät. Überall wohin er schaut, blicken ihn Hunde an. Er wird aufgeregt und ist bereit, sich zu verteidigen oder anzugreifen. Er fletscht die Zähne und bellt das Rudel Hunde an, das ihn umzingelt. Jetzt stellt er fest, dass auch die Gegner um ihn herum aufgeregt sind und ihm Drohgebärden zeigen. Er bekommt Angst. Adrenalin ergießt sich in seinen Blutstrom und er rüstet sich zum Kampf auf Leben und Tod. Er bellt und knurrt und nimmt Drohgebärden ein, um seine Angreifer einen nach dem anderen auf Abstand zu halten. Es gibt aber keine Veränderungen zum Besseren, die Konfrontation bleibt bestehen, die Bedrohung ist unvermindert da, bis er schließlich erschöpft ist, schwach und aufgibt. Daraufhin scheint sich auch das Rudel Hunde um ihn herum zu entspannen. Wie könnte es auch anders sein! Die ganze Szene mit Bedrohung, Angriff und daraus entstehender Angst hatte sich im Geist des Hundes zusammengebraut. Es wäre so leicht gewesen, die Wahrnehmung zu ändern und diese Veränderungen hätten das, was er sieht und erlebt, vollständig umgewandelt, aber anscheinend ist diese Aufgabe von einem Hund-Bewusstsein unmöglich zu bewältigen. Ganz langsam, aufgrund einer langen Kette von Erlebnissen und aufgrund des karmischen Gesetzes, erkennt der Hund, dass er selbst für alles, was er tut, verantwortlich ist, dass er selbst alles erleidet, was er scheinbar einem anderen au-ßerhalb seiner selbst antut oder an Schmerzen zufügt. Was immer er scheinbar einem anderen antut, tut er in Wirklichkeit sich selbst an. Schließlich erkennt er, dass alle Projektionen, die er als “andere” außerhalb seiner selbst wahrnimmt, nur er selbst ist. Wenn der Hund es lernt, seine Spiegelbilder mit Liebe anzuschauen, werden hundert Spiegelbilder ihm seinen liebenden Blick zurückgeben. Jede freundliche Geste, die von ihm ausgeht, wird vergrößert und hundertfach zu ihm zurückkehren. Es heißt, wenn du einen kleinen Schritt auf Gott zugehst, wird Gott dir hundert Schritte entgegenkommen. Schließe dich der Wahrheit an, und alle erwachten und selbstverwirklichten Wesen aller Zeiten werden kommen, dich zu segnen und ihre Gnade über dich auszugießen. Und so wird der Hund, wenn die Zeit gekommen ist, seine Wahrnehmung ändern. Er wird die Art, seinen Namen zu buchstabieren ändern und anstelle von Hund (d-o-g) wird er Gott (g-o-d) sein, was er immer gewesen ist. Denkst du Staub, bist du Staub. Denkst du Gott, bist du Gott. Denke Gott! Sei Gott! Du bist Gott! Erkenne es! Dieser Wechsel der Wahrnehmung kann augenblicklich geschehen. Jetzt, in diesem Augenblick können wir unser Hund-Bewusstsein hinter uns lassen und zum Gott-Bewusstsein zurückkehren. Wir brauchen nichts zu tun. Wir müssen nur damit Schluss machen, unseren falschen Wahrnehmungen dadurch andauernd Gültigkeit zu verleihen, dass wir den Glauben, sie seien wahr, aufrecht erhalten. Es ist tatsächlich die einzige spirituelle Übung, die uns abverlangt wird: unseren Glauben an die Wirklichkeit der Illusion aufzugeben! Wir müssen nur damit aufhören, uns in den während vieler Leben angehäuften falschen Sichtweisen zu bestärken und das Falsche als wahr zu sehen - und damit den Irrtum zur Wirklichkeit zu machen.
Nah-Tod Erfahrung Manchmal geschieht die Verschiebung des Bewusstseins ganz unerwartet, wie zum Beispiel viele Erlebnisse von Nah-Tod-Erfahrungen belegen. Alvin Drucker hatte mehrere solche Erlebnisse. Er war schwer erkrankt, man vermutete ein Leberkarzinom. Dieses Erlebnis ließ ihn erkennen, wie absolut unnötig das Leiden ist, das mit der Todesfurcht verbunden ist: “Eines Abend hatte ich die schlimmsten Schmerzen meines Lebens, Schmerzen, wie ich sie mir niemals hätte ausmalen können. Es fühlte sich so an, als ob meine Leber in einem Schraubstock steckte und langsam zu Gelee zermahlen würde. Ich weigerte mich Medikamente zu nehmen, weil ich fürchtete, sterben zu müssen, wenn ich mich betäuben würde. Plötzlich und unerwartet veränderte sich mein Bewusstseinszustand total. Als Bewusstsein verließ ich den Körper und befand mich oben an der Zimmerdecke. Von dort schaute ich hinunter auf die Szene, sah meinen schmerzgekrümmten Körper und einige Leute, die sich um ihn bemühten. Den Reaktionen und Wahrnehmungen der scheinbar anderen nach zu urteilen, hatte keinerlei Veränderung stattgefunden; aber für mich war ganz klar, dass ich als Bewusstsein nicht in jenem Körper war. Ich war voller Friede und ganz ruhig, völlig unbeteiligt an dem, was sich im Zimmer abspielte. Dann waren jegliches Zeitgefühl und alle Bilder verschwunden, und das Feld des Bewusstseins war eingehüllt von einem Frieden, der so tief war, dass es sich nicht beschreiben lässt und auch gedanklich nicht fassen lässt. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, aber in irdischer Zeit gemessen währte dieser Zustand nur etwa fünf Minuten. Als ich zum Körperbewusstsein zurückkehrte, hatte mich die Angst vor dem Tod verlassen. Objektiv gesehen hatte sich allem Anschein nach nichts verändert, aber bewusstseinsmäßig war alles anders. Aus der Perspektive der Seele war ich aus dem Fortsetzungsabenteuer des Lebens herausgetreten, um eine andere Form von Ich zu erfahren. Für einen Augenblick hatte ich mich in einem neuen Traum befunden, in einer ätherischen Traumschicht, die durchlässig war für den unbewegten Grund der Stille und des Friedens. Und dann löste sich dieser dünne Traumschleier auf und verschmolz mit dem reinen Gewahrsein des Bewusstseins.”
Maya – die Illusion Dieser Wechsel der Wahrnehmung ist in jedem Augenblick des Tages möglich. Nur halten wir unsere Illusion permanent aufrecht, weil wir denken, irgend etwas habe doch einen wirklichen Wert. Unser Versuch, die Illusion durch geheiligte Formen, Rituale und Beschwörungen zu reinigen und zu heiligen, wird uns am Ende nicht dorthin bringen. Ebenso werden unsere Versuche, unser Leben spirituell zu gestalten und zu hoffen, dabei zur Wahrheit zur erwachen, nicht gelingen. Alle diese Bemühungen sind sehr nützlich und notwendig, wenn wir die ersten Schritte auf dem spirituellen Weg tun, aber sie werden uns nicht zum Ziel bringen, da wir schon dort sind. Was uns tatsächlich dorthin bringt, ist die Erkenntnis, dass wir schon dort sind! Wir haben die Illusion, die auch als Maya bezeichnet wird, ununterbrochen gestärkt durch das tägliche Handeln, durch unsere Gedanken, Urteile, Wünsche, Vorstellungen, Konzepte und Wahrnehmungen als getrennte, individuelle Wesen. Wir trennen uns von der Wahrheit durch unser “falsches Ich”, das wir als unser “Ich” ansehen und das sich dazwischenschiebt. Dieses “Ich” ist das Ego. Es drängt sich selbst zwischen Gott und den Menschen. Es ist das ewig innere Geplappere, unser Verstand, die Vorstellung darüber, wer wir sind, wie die Welt ist, was richtig und falsch ist, die Prägungen der Erziehung, der Gesellschaft, die Konzepte, Bilder und Identifikationen. Das Ego bringt es fertig, das Jetzt mithilfe von Erinnerungen aus der Vergangenheit zu verdunkeln, aus denen heraus es etwas Zukünftiges projiziert und die Gegenwart völlig verschleiert. Maya bezieht ihre ganze Macht aus unserer Einbildung. Sie scheint zu existieren und wirklich zu sein, weil wir daran glauben, nur weil wir eingeschlafen sind. Die unveränderliche ewige Wahrheit unseres Seins bleibt von Maya unberührt. Was wir uns ausgedacht haben und wovon wir glauben, es sei unsere Wirklichkeit, hat in keiner Weise unsere wahre Realität verändert. Wir sind, was wir immer gewesen sind: das reine, unwandelbare, ursprüngliche Feld des klaren, ungetrübten Bewusstseins, des Urgrundes, aus dem alle Träume scheinbar kommen und gehen. Wir müssen nur damit aufhören, die Illusion durch unseren festen Glauben in ihre tatsächliche Existenz zu nähren. Wenn wir nicht mehr die Unterschiede und Besonderheiten sehen, dann werden wir alles, wohin wir auch schauen, als uns selbst erkennen, als das Eine Selbst. |